Kim Jong-il ist tot

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Dhe
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Kim Jong-il ist tot

19.12.2011 - 19:35

Warum ist das interessant?

Kims Tod hat in Nordkorea ein Machtvakuum hinterlassen, daß es zu füllen gilt. Er hat zwar in den letzten Jahren versucht seinen Sohn als Nachfolger aufzubauen, allerdings genießt der innerhalb des Militärs keinen Respekt und gilt als inkompetent, zumindest aber als unerfahren. Ein Militärputsch ist daher weder ausgeschlossen, noch unwahrscheinlich. Das wäre insofern problematisch, als daß aus Sicht des nordkoreanischen Militärs die einfachste Möglichkeit die Macht im Land zu konsolidieren, eine Auseinandersetzung mit Südkorea wäre. Die sind nach den Artillerieangriffen vom Anfang des Jahres ziemlich am Ende ihrer Toleranzgrenze.

Die zweite und wesentlich unangenehmere aber unwahrscheinlichere Möglichkeit wäre, daß China versucht eine Art von Marionettenregierung zu installieren. China hat von Nordkorea und seinen Alleingängen ziemlich die Schnauze voll, ist aber nicht bereit auf seinen Einfluß zu verzichten oder gar ein vereinigtes Nordkorea zu akzeptieren. Die gegenwärtige Situation ist für China also insofern problematisch, als daß sie nicht wissen, wie viel Einfluß sie auf ein neues Regime hätten. Es wäre also durchaus möglich, daß es für China ohne Kim noch schlimmer wird als mit Kim. Eine Einflußnahme Chinas würde übrigens sehr wahrscheinlich von Russland unterstützt werden. Denen ist es im Prinzip egal wer in Nordkorea an der Macht ist, er muß nur weiterhin Waffen aus Russland kaufen.
Eine direkte Intervention ist zwar ausgeschlossen, aber sollte China tatsächlich auf welche Art auch immer zur kontrollierenden Größe in Nordkorea werden, wäre zwar nicht gerade mit einem großen Konflikt zu rechnen, zumindest aber damit, daß die USA Südkorea und Taiwan bis an die Zähne bewaffnen und die Beziehungen zwischen China und den USA auf absehbare Zeit belastet werden.

Meine südkoreanischen Bekannten sind übrigens gerade Borderline gestört. Die eine Hälfte freut sich auf die Wiedervereinigung, die andere Hälfte erwartet den Atomkrieg. Letzteres wäre unangenehm, weil dann wesentlich weniger StarCraft im Internet übertragen werden würde. Nordkoreaner sind was ihre Reaktionen angeht besser geschult:

http://www.youtube.com/watch?v=pSWN6Qj9 ... detailpage

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alarich
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19.12.2011 - 20:38

Nordkorea... ich war zu meinen Seefahrerzeiten mal dort. Ich scheiß mir noch heute in die Hosen wenn ich daran zurück denke. Ich kann soviel sagen: Alles was wir uns im Westen über das Land erzählen ist wahr. Die Leute hungern da und Kim Jong-Ill und sein dahin gegangener Vater lässt sich an jeder Stelle an der er mal nen Furz gelassen hat, ne Statur errichten. Aber wehe das spricht jemand aus, dann ist zack die Rübe ab. Angst und Personenkult sind alles auf das sich das nordkoreanische System stützt.

Aber das nur am Rande. Viel wichtiger ist ja was da unten jetzt abgeht. Ich denke Kim Jong-un wird der letzte, stalinistische Führer sein den dieses Land erlebt. Ob er als Marionette des Militärs dienen wird oder doch eine stärkere Position einnehmen wird, kann ich noch nicht sagen da ich, so wie wohl fast jeder hier, so gut wie gar nichts über ihn weiß.

(@dhe Woher hast du denn die Info das er beim Militär nicht angesehen ist. Alles was ich über ihn gefunden habe sind Gerüchte. Von einem schüchternen, aber netten Kerl bis zu einem wahnsinnigen Demagogen war alles dabei)

An einen Krieg glaub ich nicht, denn die Militärs wissen das sie dann einpacken können. Südkorea hätte breite Nato-Unterstützung. Nordkorea hingegen würde wohl ihren einzigen Verbündeten verlieren, ich denke das China dann präventiv eingreifen würde und auf eigene Faust über Nordkorea drüber walzen, bevor der Westen das Land wieder vereint.
Erinnert sich jemand an das berühmte Foto wo sich amerikanische und russische Soldaten im 2. Weltkrieg die Hand geben als sie auf deutschen Boden aufeinander treffen (oder das weniger bekannte wo selbiges deutsche und russische Soldaten auf polnischen Boden tun)
Davon wird es dann wohl ne Neuauflage in Nordkorea geben. Das hieße dann das der nördliche Teil von NK chinesische Marionette wird und der südliche zu Südkorea zurück kehrt. Aber das sind alles Planspiele die ich nicht für besonders realistisch halte.
Und man muss ja auch andererseits sagen, das sich die Nordkoreaner in letzter Zeit durchaus ziemlich aggressiv gegen ihren südlichen Nachbarn vor gingen.

Es ist im Prinzip davon abhängig ob es gelingt um Kim Jong-un einen ähnlichen Kult aufzubauen wie um Papa und Großpapa. Wenn ja, dann kann sich das Regime noch eine Weile halten. Wenn nicht, dann ist ein nordkoreanischer Frühling gar nicht so unwahrscheinlich. Dann wird auch China nicht viel machen können ohne die ganze Welt gegen sich aufzubringen.

Eine weitere Möglichkeit wäre natürlich das der Sohn sich an den Westen annährt. Wie gesagt, ich weiß nicht genug über ihn und die Situation ist noch zu frisch um darüber etwas zu sagen.

Und bei der ganzen Sache sollte man einen weiteren Spieler in diesem Drama nicht vergessen, Kim Jong-nam, der ältere Sohn. Der war gar nicht begeistert davon, das er in der Erbdynastie übergangen wurde und könnte die Gunst der Stunde nutzen und versuchen sich selber an die Macht zu setzen, entweder mit dem Militär oder an der Spitze einer mehr oder weniger ernst gemeinten Reformbewegung. Es bleibt auf jeden Fall spannend.

Ich denke die nächsten sechs Monate werden zeigen wie es in Nordkorea weiter geht.
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20.12.2011 - 00:47

alarich hat geschrieben:Woher hast du denn die Info das er beim Militär nicht angesehen ist. Alles was ich über ihn gefunden habe sind Gerüchte. Von einem schüchternen, aber netten Kerl bis zu einem wahnsinnigen Demagogen war alles dabei
Eine ehemalige Kommilitonin arbeitet in Südkorea. Die erzählt mir bisweilen was da Thema ist, aber bei uns nicht ankommt, zumindest nicht in den Schlagzeilen. Anscheinend ist es wohl so, daß die Schwester von Kim und ihr Ehemann mindestens seit dem ersten Schlaganfall Kims zu grauen Eminenzen im Lande geworden sind: war Jong-ils "aide-de-camp" und außerdem nicht ganz unwesentlich für die Steuerung der Wirtschaft im Land. D.h. im Gegensatz zum Sohnemann hatte sie anscheinend wirklichen Zugang zur Machtquelle. Das ist wesentlich wichtiger als irgendwelche Titel, was nebenbei erwähnt z.B. auch der Grund ist, aus dem in den USA White House Chief of Staff als wesentlich mächtiger gilt, als der Vizepräsident.
Kim Kyong-huis Ehemann, Chang Sung-taek, ist Vizevorsitzender der Nationalen Verteidigungskommission, als des de facto Regierungs- und Entscheidungskörpers. Bevor sich einer beschwert, daß Vizevorsitzender nicht gleich Vorsitzender ist: Wie in jeder anständigen stalinistischen Diktatur hatte natürlich der Diktator den Vorsitz über alles inne. Daß heißt auf den anderen Seite nichts anderes, als daß zumindest nominell Chang momentan die mächtigste Person in Nordkorea ist.

Kim Jong-un auf der anderen Seite gilt mehr oder weniger nur als Galleonsfigur ohne wirklichen Einfluß. Das liegt wohl hauptsächlich daran, daß Kim Jong-il gar keine so klare Erbschaftshierarchie hinterlassen hat: Einerseits weil es zu spät war um Kim Jong-un als effektiven Nachfolger aufzubauen, nachdem der ältere Sohn in Ungnade gefallen ist und andererseits, weil der Einfluß, den Kim Jong-il nach seinem Schlaganfall hatte, vermutlich immer weiter zurück ging und von mehr oder weniger ungesehenen Dritten (s.o.) übernommen wurde.

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alarich
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20.12.2011 - 22:07

Nun Informationen aus Südkorea über ihren nördlichen Nachbarn sind ja auch mit Vorsicht zu genießen.

Aber zumindest gegenüber der Außenwelt wird es ja so dar gestellt, das der einzige Trost für die Bevölkerung ist das sie ja einen neuen, großartigen Führer haben.

Aber gib doch mal ne vorsichtige Schätzung ab, nur so aus dem Bauch heraus. Wie lange wird sich das letzte, stalinistische System der Welt noch halten?
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depeche
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20.12.2011 - 23:48

Ich kann dazu leider überhaupt nichts sagen und mit irgendwelchen wirklich bei mir mehr als vagen Schätzungen will ich mich auch zurück halten.


Was ich aber mehr oder weniger schockierend finde ist, dass die westlichen Geheimdienste ja wirklich keinen blassen Schimmer haben was in der Führungsriege dort abgeht.
Oder wussten sie es schon, haben es aber nicht rausgelassen um eventuelle Informanten zu schützen?

Aber sonst, interessantes Thema!
Viele Menschen würden eher sterben als denken. Und in der Tat: Sie tun es


"Warum begegnen Ufos immer nur Durchgeknallten?"



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